Indizien Genetischer Flaschenhals Aschkenasim und die Meldung in Massenmedien


Heinrich Heine

Heinrich Heine

Eine medizinisch ausgerichtete Forschergruppe (Carmi et al. 2014) aus den USA, Belgien und Israel hat in einer Studie 128 Aschkenasim, deren Isolation und Krankheitsbilder untersucht. Ein „Nebenprodukt“ dieser Studie waren populationsgenetische Folgerungen, welche aus einem Vergleich mit den Genomen von 26 Flamen gezogen wurden: diese prognostizieren einen Genetischen Flaschenhals mit ca. 350 Vorfahren dieser Aschkenasim, welche vor etwa 700 Jahren lebten und ca. die Hälfte der historischen Vorfahren mit den Flamen teilten. Während die Studie die Resultate relativ sachlich als Ergebnis der umfangreichen Datenauswertungen auf Basis der limitierten NGS-Daten darlegt, werden in den Massenmedien die üblichen effektheischenden Schlagzeilen benutzt, welche schnell zu falschen Einschätzungen führen: „Alle heutigen Aschkenasim können ihre Wurzeln zu 330 Personen verfolgen“ (LA Times), „Aschkenasim sind alle Nachkommen von 330 Personen“ (elitedaily.com).
Es gilt einige Punkte zu berücksichtigen:

  • 128 Genome von ca. 10 Millionen Aschkenasim und ein Vergleich mit 26 Genomen vom nördlichen Rheingebiet ist statistisch begrenzt aussagekräftig.
  • Es gab keine Untersuchung der uniparentalen DNA (Y, mt), es sind auch Aschkenasi-Linien typisch europäisch pre-historischer Abstammung bekannt (z.B. R1b).
  • Die Studie gibt keinen Hinweis, ob die getesteten Aschkenasim eine geprüfte Genealogie mit hauptsächlicher Abstammung von Zentral-Europa haben, um DNA sephardischer und anderer Juden möglichst ausschliesen zu können.
  • Als Vergleichsgenome wären solche anderer jüdischer Gruppen (Sephardim, Italien, usw.) und zentraleuropäischer Bevölkerungen (insbesonde entlang des Rheins und ev. aus Südfrankreich und Italien) sehr hilfreich.

Genetische Genealogen verfolgen die Diskussion kritisch und können aus ihren Forschungen Erfahrungswerte beitragen, welche aber ohne Publikation subjektiv bleiben. Statements aus der ISOGG-Facebook-Gruppe, bzw. aus dem Internet:

  • Cyndi Norwitz (norwitz.net) sagt in ihren Vergleichen teilen Aschkenasim ca. 25% (20-30) der DNA mit nichtjüdischen Europäern und vermutet diese stammt aus konstanter Einheirat seit den römischen Zeiten. Laut ihr gibt es andere Aschkenasim-Flaschenhalsprognosen mit ca. 1000 Individuen, welche aber auch keine überzeugenden Beweise liefern können.
  • Kitty Munson Cooper’s (kittycooper.com) mütterlicher Großvater war deutscher Jude. Ihre autosomale DNA dieses Vorfahren führt zu „astronomisch“ vielen Treffern in den Genealogie-Datenbanken, was die Theorie der außerordentlich hohen Wachstumsrate der Aschkenasim in den letzten 20 Generationen bestärkt.

Nachtrag am 17. Sep.:

Im West Hunter Blog hat Gregory Cochran (University of Utah) einen interessanten Artikel Ashkenazi Ancestry revisited in welchem er die Mutationsrate ein wenig nach unten (1.20×10−8 statt 1.44) und die Generationslänge nach oben (30 statt 25 Jahre) korrigieren würde. Mit diesen korrigierten Annahmen kommt er auf 300-500 Vorfahren vor 30-38.4 Generationen statt 250-420 vor 25-32 Generationen. Die Zeitspanne wäre damit vor 900-1150 Jahren statt 625-800 Jahren und würde laut ihm besser mit dem bekannten „Siedlungsgebiet Rheinland“ zusammenpassen. Cochran stellt auch die Frage wieso Flamen als Vergleich verwendet wurden, so doch bisher alle Studien, welche die Rheinland-Theorie favorisieren auf Frankreich und noch mehr auf Italien als ursprüngliches europäisches Siedlungsgebiet hinweisen.

In dem Welt.de-Interview Teilen alle Juden wirklich ein bestimmtes Gen? vom Aug. 2010 spricht Gil Atzmon (Genetiker am Albert Einstein College of Medicine in New York) über seine Studien an jüdischen Gruppierungen im Nahen Osten und Europa, welche laut seiner Einschätzung bis vor ungefähr 2.500 Jahren in einem zusammenhängenden Gebiet lebten. Laut Atzmon’s Einschätzung waren im byzantinischen Reich zehn Prozent der Bevölkerung Juden (ca. sechs Millionen) und viele davon Konvertiten, welche bis um das Jahr 800 massenhaft zum Judentum übergetreten waren. Diese „Ein-Mischung“ lässt sich besonders bei den Aschkenasim feststellen. Danach heirateten laut Atzmon Juden fast nur noch untereinander: der Genfluss übersteigt fortan 0,5 Prozent nicht mehr. Atzmon erwähnt auch den „aschkenasischen Flaschenhals“, welcher laut ihm im 15. Jahrhundert stattfand und die Aschkenasim auf ein paar Zehntausend dezimierte, welche dann am Anfang des 19. Jahrhunderts wieder auf fünf Millionen angewachsen waren.